Welche Zukunft hat Phoenix


© phoenix/Nicolas Ottersbach


Am 7. April 1997 ging das Spartenprogramm „PHOENIX – Der Ereignis und Dokumentationskanal“ auf Sendung. Die Realisierung erfolgte nach einer Idee der damaligen Intendanten Fritz Pleitgen (WDR) und Dieter Stolte (ZDF). Doch am Horizont stehen die Zeichen auf Umbruch. Im neuen Medienstaatsvertrag (Entwurf) ist Phoenix nicht mehr als Auftragsprogramm vorgesehen – ebenso wenig wie das Kinder- und Schülerprogramm KiKa, dafür aber die Kulturprogramme „3sat“ und „Arte“. Dennoch geht in Medienkreisen eigentlich niemand davon aus, dass Phoenix seine Segeln streichen muss. Warum die (Medien-) Politiker aber so agieren wie sie agieren, zeigt nur die große Bedeutung der ör Programme an.

In einem Online-Pressegespräch am Montagnachmittag (28.3.2022) gratulierten die Intendanten von WDR und ZDF, Tom Buhrow und Dr. Norbert Himmler, Phoenix und dem Team zu erfolgreichen 25 Jahren als Ereignis- und Dokumentationskanal. Die Phoenix Programmgeschäftsführerinnen Eva Lindenau (ARD) und Michaela Kolster (ZDF) gaben anlässlich des Jubiläums vor der Presse bekannt, dass Phoenix bis 2024 in den früheren Schürmann-Bau in Bonn, dem heutigen Sitz der Deutschen Welle, umziehen werde. Im Zuge des Umzugs werde Phoenix zu einer digitalen Politik-Plattform weiterentwickelt, die Politik im Fernsehen, in den Mediatheken von ARD und ZDF und in Socialmedia-Netzwerken erlebbar mache.

WDR-Intendant Tom Buhrow sagte: „Phoenix zeigt Ereignisse live, erklärt Politik und Entscheidungsprozesse, ordnet ein und vertieft. Die Verbindung aus Live-Berichterstattung, Gesprächen und Dokumentationen macht Phoenix so einzigartig und wertvoll für unsere Demokratie. Wie unverzichtbar Phoenix ist, haben die Kolleginnen und Kollegen gerade in den vergangenen Wochen während des Krieges in der Ukraine wieder eindrucksvoll gezeigt.“ ZDF-Intendant Dr. Norbert Himmler: „Seit 25 Jahren bietet Phoenix ein hervorragendes öffentlich-rechtliches Informationsangebot. Dokumentationen, Reportagen und Talk vermitteln Hintergrundwissen zum politischen Geschehen. Und Phoenix ist live dabei, wenn sich politisch Relevantes ereignet und wenn Geschichte geschrieben wird. Das lässt sich nur schwer planen und ist in Zeiten von Krieg und Corona wichtiger denn je.“

Für Irritationen sorgten vor einigen Wochen ARD-Pläne, Tagesschau24 zu einem Nachrichtenprogramm zu erweitern. ZDF-Intendant Himmler signalisierte aber Entwarnung. Die Unstimmigkeiten habe ein Gespräch mit der ARD-Vorsitzenden, RBB-Intendantin Patricia Schlesinger und dem WDR-Chef Tom Buhrow beseitigen können. Nach seinen Worten bleibt Phoenix in der gewohnten Spur, am gemeinsamen Willen zum gemeinsamen Programm gebe es keine Zweifel. Selbst wenn Phoenix im neuen Medienstaatsvertrag nicht mehr als gesetztes Programm aufgeführt wird.

Tom Buhrow versuchte die Unterscheidbarkeit von Tagesschau24 und Phoenix deutlicher zu machen: "Tagesschau24 kümmert sich um sich entwickelnde Ereignisse, niedrigschwelliger und weniger relevant, Phoenix um langfristige Entwicklungen und Hintergründe". Durch den Krieg in der Ukraine, und auch die Corona-Pandemie, werden solche Ansätze aber fragwürdig und bringt die beiden Programme in unmittelbare Konkurrenz zueinander. Im Ausland sind derartige technisch-akademische Gedanken realitätsfremd. Ob bei BBC (GB), CNN (USA), RAI (Italien) oder TVE (Spanien) – im jeweiligen Nachrichtenprogramm werden aktuelle Ereignisse und analytische Hintergründe gleichwertig behandelt. Aber Deutschland ist ja für seine vielen Sonderwege (nicht nur in der Geschichte) bekannt.

Der Rheinländer Tom Buhrow wäre nicht Tom Buhrow, wenn er nicht einige Argumente für den Verbleib von Phoenix in Bonn vorbringen könnte: Der WDR als größte (ARD-) Landesrundfunkanstalt sei in Köln, das ZDF in Mainz, solcher Sender-Föderalismus verhindere einen ungewollten Zentralismus. Da Phoenix beim WDR in NRW groß geworden ist, der WDR den größten Finanzanteil in der ARD beisteuert, betreibt Tom Buhrow natürlich auch Standortpolitik: für NRW, die Landes-Politik, den WDR und nebenbei auch für sich selber. Denn Medienpolitik ist Machtpolitik. In Berlin verfügt Phoenix aber über ein leistungsfähiges Studio. Der Etat von Phoenix liegt bei 37 Millionen Euro und beschäftigt sind 93,5 festangestellte plus eine gleiche Anzahl von freien Mitarbeitern.

Die Programmgeschäftsführerinnen Eva Lindenau und Michaela Kolster verwiesen auf die starke Nutzung von Phoenix auf allen Ausspielwegen und Plattformen während des andauernden Ukraine Krieges. Und die Live-Übertragung der Bundestags-Sondersitzung am 27. Februar erzielte in der Spitze 5,4 Prozent Marktanteil – und der Tagesmarktanteil belief sich an diesem Sonntag auf 2,2 Prozent, mit überdurchschnittlichen 2,4 Prozent bei den 14-49-Jährigen. „Gerade in der aktuellen weltpolitischen Situation zeigt sich die besondere Stärke von Phoenix für alle Menschen, die Politik in Echtzeit erleben wollen und das ganze Bild erwarten“, so Eva Lindenau. „Phoenix ist seit 25 Jahren eine erfolgreiche Kooperation von ARD und ZDF. Den Mix aus ungefilterten Live-Momenten und kompetenter Einordnung suchen die Zuschauenden, wie knapp 10 Prozent Marktanteil bei der Vereidigung der Bundesregierung und über 5 Millionen Abrufe unseres Livestreams in den Mediatheken von ARD und ZDF in den vergangenen Wochen beweisen.“ „Mit unserer aktuellen Berichterstattung an den ersten Kriegstagen – teilweise bis tief in die Nacht – haben wir uns viel Ansehen erworben. Besonders gefreut hat uns, dass unser Programm erstmals auch von ARD und ZDF übernommen wurde. Ein besonderer Dank gebührt unserem ganzen Phoenix-Team, das an diesen Tagen ein großartiges Engagement gezeigt und sich bis zur Grenze des Zumutbaren verausgabt hat“, so Michaela Kolster. Der Marktanteil liegt aktuell bei 1,2 Prozent (2020 waren es 1,1% - bei 14-49-Jähr. 0,8% und bei Ü 50-Jähr. 1,2%; n-tv und Welt erreichten jeweils 1,2%).


Phoenix könnte sein Publikum und seinen Marktanteil aber noch vergrößern, wenn die Bürger, die Zuschauer in das Programm einbezogen werden könnten. Warum werden keine Sendungen mit Publikum zu politischen und gesellschaftlichen Themen ins Programm genommen? Nie standen mehr Themen auf der Agenda als in diesen Tagen. Wer die Demokratie lebendig erhalten und sogar stärken will, sollte auch interessierte und demokratische Bürger unterschiedlicher politischer Strömungen Gelegenheit zur Diskussion mit Experten und Politikern geben. Da die Ressourcen von Phoenix beschränkt sind, bieten sich Kooperationen mit den Dritten Programmen der ARD und dem ZDF an. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk und Phoenix können mehr. Die niederländischen Rundfunk-Programme mit Formen der Bürgerbeteiligung (nicht nur in Wahlzeiten) könnten für Deutschland ein Vorbild sein.

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