Kann die ARD Zukunfts-Reform?



Die ARD-Programmdirektorin Christine Strobl sieht es gar nicht gerne, wenn ihr Programm „Das Erste“ schon seit Jahren in puncto Marktanteil dem ZDF den ersten Platz überlassen muss. Die ARD erreichte 2020 durchschnittlich einen Marktanteil von 11,3 Prozent, beim ZDF waren es 13,6 Prozent. Das soll sich nun mit einer mehr oder weniger großen Programmreform ändern. Strobl hat das Reformpapier den Intendantinnen und Intendanten der ARD übergeben, die es bei einer zweitägigen Sitzung in Mainz berieten. Mit den Vorschlägen sollen sich die Fernsehdirektoren und -Direktorinnen der neun Landesrundfunk-Anstalten in den nächsten Wochen beschäftigen. Danach soll im „Ersten“ das gesendet werden, was auch in der Mediathek Klicks bringt und damit mehr Publikum.

Programmdirektorin Strobl möchte das „Erste“ zur ersten Adresse für aktuelle und zeitkritische Informationen machen. Neidisch blickt sie auf neue Formate von RTL und PRO7. Dafür wäre es aber sinnvoll und notwendig, dass die ARD ihr Programm zu einem stärker informations-orientiertem Programm umbaut und das Profil verstärkt: stündlich eine modernisierte „Tagesschau“ von 15 bis 30 Minuten (bis 18 Uhr und 20 Uhr), Reduzierung der Film- und Boulevard-Termine, mehr kritische Zeit-Magazine und Hintergrund-Berichte und Dokus, engagierte und kritische Debatten und überhaupt typisch ör Angebote in der Hauptsendezeit. Zudem sollte das fast zuschauerfreie Ergänzungsprogramm „Tagesschau24“ (Marktanteil 2020 0,4 %) in das „Erste“ integriert werden. Das wäre aus finanziellen und personellen Gründen sehr sinnvoll.

Mittlerweile hat auch die Politik erkannt, dass es ein großer Luxus für den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk (ÖRR) ist, wenn ARD und ZDF zwischen 18 und 22 Uhr fast nur massen-taugliche Unterhaltung anbieten – was für deren Zukunft ein Stolperstein sein könnte. So diskutieren die 16 Länder für den nächsten Medienstaatsvertrag über für den ÖRR über eine "Prime-Time-Klausel": Diese soll sicherstellen, dass sich zwischen „heute“ / "Tagesschau" und „heute-journal“ / "Tagesthemen" die ör Angebote von dem privater Anbieter deutlicher als bisher unterscheiden. Denn derzeit bieten ARD und ZDF an sechs Tagen in der Woche ab 20:15 Uhr (Massen-) Unterhaltung in einer Länge zwischen 90 und 180 Minuten an. Ausgenommen ist nur der Montag (ARD) und Dienstag (ZDF).

Statt also die Reformfehler der Vergangenheit zu wiederholen, muss die ARD, will sie eine gesicherte Zukunft haben, ihre Informations-Angebote ausbauen, schärfen und in den Mittelpunkt des Programm stellen. Bedeutet im Klartext: der „Weltspiegel“ behält seinen Platz, der „Bericht aus Berlin“ (neuer Name nötig) wird auf den Freitag 21:45 Uhr gelegt und auf den Sonntags-TATORT folgt eine echte kritische Debatten-Runde mit mehr Meinungsvielfalt. Für Montag und Donnerstag baut die ARD ihre zeitkritischen Polit-Magazine so um, dass die Meinungsvielfalt deutlicher auf dem Bildschirm erscheint, indem a) die Sendezeit auf 45 Minuten erweitert (21:30 Uhr) und b) je ein Magazin für die politischen Richtungen aus Mitte-Links und Mitte-Rechts angeboten wird. In diesen zwei Magazinen gehen die bisherigen sechs Magazine auf. Dadurch können die sechs Redaktionen wesentlich aktueller agieren als bisher.

Zeitkritische Reportagen und Dokus, aber auch Themen aus Wissenschaft und Geschichte, werden am Dienstag um 21:30 Uhr und Montag um 20:15 Uhr angeboten. Ein runderneuertes Kultur-Magazin hätte am Mittwoch um 21:45 Uhr seinen Platz. Die „Tagesthemen“ werden auf 45 Minuten erweitert und zu einem politischen Tages-Informations- und Analyse-Magazin ausgebaut – vergleichbar den Angeboten von BBC2 und NOS2 (Niederlande). Das Magazin beinhaltet neben Berichten, Reportagen und Kommentar auch Gesprächsformate wie Interview, Streitduell, Pro und Contra und Kurz-Debatte. Damit werden sich die „Tagesthemen“ deutlich vom „heute-journal“ unterscheiden und eine besondere Note ins „Erste“ bringen.

Danach beginnt ab 23 Uhr das ARD-Nachtprogramm, auch am Wochenende. Überlegungen den ZDF-Lanz-Talk zu kopieren, sind angesichts der hohen ZDF-Quoten und der knappen ARD-Finanzen keine gute Idee. Hier sollte die ARD entsprechend dem Sendeauftrag alternative Sendungen anbieten: neue internationale Filme, zeitkritische Filme und Dokfilme, Satire und Comedy, Reportagen und Dokus und evtl. ein neues ungewöhnliches Gesprächsformat – am Mittwoch.

Auch zwischen 17 und 20 Uhr sind Programm-Reformen sehr nötig. Neben Unterhaltungssendungen sollte die ARD ihrem Publikum um 18 Uhr ein aktuelles Tagesmagazin mit Berichten und Reportagen aus Deutschland, Europa und der Welt anbieten. Ein erster großes Überblick über das Tagesgeschehen (mit Sport) in einer Länge von 30 Minuten. Um 19 Uhr kann das „Erste“ die 16 Regional-Magazin mit zusätzlichen Angeboten aus Gesellschaft und Lokal-Problemen unterstützen (30 Min.). Da die 16 Magazine keinen Schwerpunkt setzen und auch nur max. 29 Minuten umfassen (inkl. Unterhaltungsbeiträgen), kann die ARD hier eine Lücke füllen. Alle Funkhäuser und Studios liefern Beiträge zu – jeweils eine Landesrundfunkanstalt koordiniert ein Magazin.

Von Montag bis Freitag wird jeweils ein Schwerpunkt in Form von Berichten, Reportagen und Kurz-Debatten gesendet: Planen/Bauen/Wohnen/Energie, Umwelt/Natur/Tier, Verkehr/Sicherheit/ÖPNV, Rathauspolitik/Finanzen/Veraltung/Bürokratie/Ordnung/Sicherheit, Generationen in Stadt und Land. Mit diesem Vor-Ort-Format würde die ARD den ör Sendeauftrag vorbildlich erfüllen und sich noch stärker in den Regionen verankern. Auch zur Freude der Menschen, die in Regional- und Kommunalpolitik aktiv sind.

Da die 20-Uhr-Tagesschau nur 16 Minuten dauert (lt. Sendestatistik), sollte das „Erste“ um 19:40 Uhr ein neues Zusatz-Magazin ins Programm nehmen. Dieses wäre mit Themen angesiedelt zwischen „Tagesschau“ und „Tagesthemen“, Themen die aus Tages- und Zeitgeschehen kommen und daher für beide Sendungen ungeeignet sind. Das bietet für „ZiB“ - „Zeit im Bild“ - neue Möglichkeiten, um ein interessiertes Publikum mit Hintergrund-Informationen zu versorgen. Möglich sind alle journalistischen Formate. Damit würde zur Hauptsendezeit gegen 20 Uhr pol. und gesell. Informationen von bis zu 35 Minuten angeboten werden. Auch damit würde die ARD den ör Sendeauftrag vorbildlich realisieren.

ARD-Programmdirektorin Christine Strobl kann dem „Ersten“ mit dieser Reform einen guten Dienst erweisen und dem ARD-Fernsehen ein neues journalistisches Gesicht geben. Massen-taugliche Unterhaltung in stundenlangen Sendestrecken können auch andere Anbieter, ein typisch ör Programm dagegen wäre etwas Neues und damit wäre der ör Sendeauftrag perfekt umgesetzt. Wenn dann auch noch die Bürger und Zuschauer mitreden dürften (sie finanzieren den ÖRR), muss sich die ARD um ihre Zukunft keine Sorgen mehr machen.

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