Die ARD kann nicht mehr alle Zuschauer erreichen


Foto ARD / Laurence Chaperon


Die ARD bzw. das ERSTE hat mehr als nur ein Problem. Seit fünf Jahren ist das ZDF Marktführer unter den Programm-Anbietern und die ARD versucht immer wieder das Zweite zu überholen, aber auch mit einzelnen Programmhöhepunkten kommt der Senderverbund nicht weiter. Seit Mai 2021 versucht nun das neue Führungstrio mit Christine Strobl, Florian Hager und Oliver Köhr mit neuen Ideen Schwung in das altgewordene Fernsehsystem ARD zu bringen. In einem TAGESSPIEGEL-Interview (22.9.21) hat sich Programmdirektorin Strobl selbstkritisch und kämpferisch geäußert: „Wir sind ein Flaggschiff im Bereich der Information. Auch in der Fiktion, der Unterhaltung und der Dokumentation sind wir gut aufgestellt“. Allerdings werden mit Serien und Filmen fasst nur ältere Zuschauer erreicht und Dokus werden insbesondere im Nachtprogramm ge- bzw. versendet.


Dann muss Direktorin Strobl zwangsläufig einräumen: „Aber wir müssen erkennen, dass wir einen Teil der Bevölkerung mit unseren Angeboten nicht mehr erreichen“. Das Durchschnittsalter der Zuschauer liegt bei ARD, und auch beim ZDF, bei 64 Jahren - in der Gesamtbevölkerung beträgt es nur 44 Jahre. Christine Strobl „wichtigstes Ziel ist deshalb, die Inhalte, Themen und Köpfe, die wir haben, zu einem Angebot zu bündeln, das die ganze Bevölkerung erreicht, auch die unter 50-Jährigen“.


Ein Vorwurf wird seit Jahren immer wieder erhoben, danach ist es der ARD erfolgreich gelungen, die junge Generation aus dem Hauptprogramm wegzusenden. „Das Mediennutzungsverhalten hat sich komplett verändert, das müssen wir erkennen. Mit dem linearen Angebot erreichen wir absehbar nennenswert keine jüngeren Menschen mehr“. Denn so Strobl, „die wollen sich nicht vorschreiben lassen, wann sie sich etwas sehen wollen und auf welchem Endgerät. Das geht vielleicht nur noch bei der TAGESSCHAU, beim TATORT oder bei Großereignissen, Sport oder ESC“. Die Lösung lautet daher: „Wir brauchen … ein eigenständiges Programmangebot in den Mediatheken. Wenn wir dort stark sind, haben wir eine Chance, jüngere Zuschauer zurückzugewinnen“. Seit einigen Monaten werden neue Filme und Serien dort vorab dem Publikum angeboten.


Diese Strategie bedeutet dann allerdings eine Zweiteilung des ARD-Programmangebots. „Ja es gibt einen Teil der Bevölkerung“, so Strobl, „für den ist es völlig normal, das mediale Angebot dann wahrzunehmen, wenn er Lust und Zeit hat, nicht, wenn wir es vorgeben. Das heißt in der Konsequenz, dass es dazu auch ein anderes Angebot braucht als im klassischen Fernsehen“. Aber neue Serien und Shows wie die von Florian Silbereisen, gehören auch in das lineare Fernsehen. Wir müssen für alle Zuschauer ein Angebot machen, „das ERSTE ist für alle da“.


Um das Ziel, mehr Jüngere, zu erreichen, sind Veränderungen nötig - aber der ARD-Verbund aus neun unabhängigen Sendeanstalten und 10 Programmdirektoren tut sich schwer. Erste Pläne haben das Licht der Öffentlichkeit erreicht und danach soll das Info-Magazin WELTSPIEGEL von Sonntag 19:20 Uhr auf Montag 22:50 Uhr in die sogenannte „Todeszone“ verlagert werden. Für Strobl sind leidenschaftliche Debatten um (neue) Sendeplätze aber nicht schlimm. „Wir sind jetzt in intensiven, konstruktiven Diskussionen. … Wir müssen in Themen „Ausland“ und „Wirtschaft“ denken, mit anderen Macharten und Stücken überzeugen, die wir dann auch in den Mediatheken nach vorne bringen können, um eben auch jüngere Menschen zu überzeugen“.


Die ARD hat ein großes Korrespondentennetz und die Auslandsberichterstattung soll nicht geschwächt werden, aber mit dem WELTSPIEGEL erreichen wir nur immer die gleichen Menschen. „Wir wollen mit den spannenden Themen aus der Welt auch wieder nennenswert Menschen unter 50 Jahren erreichen“. Für Strobl ist die Debatte um Sendeplätze eine Debatte von gestern. Wörtlich:“Es dient ja auch alles einem Ziel: Wir wollen den Montag als Informationstag positionieren. Das ZDF hat … mit der Verlegung des AUSLANDSJOURNALS auf den Mittwochabend … vor Jahren den gleichen Schritt gemacht“. Dabei gibt es aber einen gewaltigen Unterschied: Das ZDF-Magazin sendet um 22:15 Uhr und das ARD-Auslandsmagazin würde erst um 22:50 Uhr senden. Hier gilt aber das Motto: Je später der Abend, desto mehr Menschen haben den Fernseher ausgeschaltet. Der WELTSPIEGEL würde also Zuschauer verlieren.


Was Christine Strobl im ERSTEN fehlt, ist ein „echtes Wissensformat“. Schön das der ARD das auch schon aufgefallen ist – sieht der ör Sendeauftrag den Bereich Bildung/Wissen ausdrücklich vor. Aber Strobl wünscht sich auch „mehr Comedy mit politischem Inhalt“. Denn „damit gewinnen wir auch weniger politisch Interessierte und bringen sie vielleicht dazu, auf andere Weise in politische Themen einzusteigen“. Strobl will mehr jüngere Köpfe rekrutieren. „Immerhin haben wir mit „funk“ eine Möglichkeit, jüngere, talentierte Leute zu fördern“.

Nicht zufrieden ist die Programmdirektorin mit den Wahlkampf-Sendungen in den letzten Wochen. Es gab zu viele klassische Formate mit Politikerbefragungen. „Darüber werden wir nachdenken und es sicher bei der nächsten Bundestagswahl auch berücksichtigen und anders machen“. Stellt sich nur die Frage, warum die ARD (und auch ZDF) nicht schon aus den letzten Erfahrungen von vor vier Jahren gelernt hat – die Kritik dbzgl. ist ja nicht neu. Vielleicht wäre es gut, sich z.B. in Dänemark und den Niederlanden umzusehen, dort gibt es seit Jahrzehnten Alternativen – zur Freude der Wahlbürger.

Eine große Baustelle im Nachtprogramm hat Christine Strobl von ihrem Vorgänger, Volker Herres, geerbt. So hatte der Norddeutsche die Idee, die erfolgreichen Freitags-Talk der Dritten („NDR-Talkshow“, „3 nach 9“ und „Kölner Treff“) am Dienstag um 22:50 Uhr zu duplizieren. Allerdings nur mit mäßigem Erfolg, die Quoten lagen nicht selten bei nur fünf Prozent, insbesondere bei den Jüngeren. Einen Talk am späten Abend findet Strobl aber sehr interessant. „Eine Gesprächssendung, nicht zwingend der politische Talk, ist eine hervorragende Art und Weise, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, spannende Geschichten zu erzählen“. Christine Strobl muss aber zugeben: „Der Versuch, diese Vielfalt (Anmerkung: vom Freitag) ins ERSTE zu bekommen, ist aber trotz aller Bemühungen nicht so richtig geglückt. Also werden wir nächstes Jahr nicht von Dienstag zu Dienstag wechselnde Angebote vorsehen, sondern wollen eine Gastgeberin öfters in der Woche auftreten lassen“. Und Markus Lanz macht es vor, drei Mal die Woche sendet er im ZDF, mit (sehr) guten Quoten. Soll jetzt auch „maischberger. die woche“ nicht nur am Mittwoch sondern auch am Dienstag und Donnerstag gesendet werden? Ist das aber im Sinne der Zuschauer und des ör Sendeauftrags? Strobl möchte mehr Talks, „aber eben nicht politischer Talk während der Wochw, der sich mit Menschen – Künstlern, Raumfahrern, Virologen – und Geschichten beschäftigt“. Hier gäbe es Gespräche und Verhandlungen. Markus Lanz muss sich dann wohl einige Änderungen einfallen lassen, ansonsten bekommt die Debatte um die Zusammenlegung von ARD und ZDF wieder neue Nahrung. Denn wozu alles doppelt senden und bezahlen?

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