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rbb-Intendantin Schlesinger: „Kosmetische Anpassungen reichen nicht mehr aus“

Eva-Maria Lemke  v. „Kontraste“ Magazin aus Berlin    © rbb/Thomas Ernst

Der Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) muss in den nächsten Jahren 20 Millionen Euro pro Jahr einsparen. 2019 lag der Fehlbetrag bei immerhin 84,6 Mio. Euro – bei Erträgen von 457,6 Mio. und Ausgaben von 542,2 Mio. Euro. „Das ist eine bittere Summe und es wird eine harte Zeit werden“, sagte rbb-Intendantin Patricia Schlesinger am 23. Januar 2020 auf der Jahresauftakt-Pressekonferenz in Berlin. Seit der Fusion von SFB (Berlin) und ORB (Brandenburg) im Jahr 2003 habe der rbb 316 Stellen abgebaut – aktuell sind es rund 2.000. „Wir sind ein schlank aufgestellter Sender mit Kosten für Verwaltung und Gebäudemanagement von sechs Prozent. „Wir werden auch Einschnitte im Programm haben“, sagte Schlesinger. „Kosmetische Anpassungen reichen nicht mehr aus. Wir müssen uns mittelfristig komplett neu aufstellen, was Formatierung, Inhalte und Produktion angeht“, kündigte die rbb-Intendantin die „größte Herausforderung“ seit Sendergründung an. Einerseits müsse der Sender mit seinem linearen Programm besser werden, andererseits sich konsequent am Internet orientieren. „Das ist ein langer, mühevoller, aber zugleich alternativloser Weg – wir müssen zwei Pferde reiten“.

Dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk (ÖRR) einen zentralen Platz in der digitalen Medienwelt zu sichern, ist die wichtigste Herausforderung der kommenden Jahre. „In der linearen Welt war die Rolle des ÖRR für das gesellschaftliche Miteinander klar bestimmt. Wir stehen jetzt vor der Aufgabe, unseren Beitrag zur Meinungs- und Willensbildung in der digitalen, nicht-linearen Welt zu leisten. Das wird uns auch hier im Haus einen tiefgreifenden Wandel abverlangen“, sagte Schlesinger. Um Wahrnehmbarkeit und Relevanz zu erhalten, bedürfe es eines neuen Distributionsmanagements: „Wir müssen Information, Sport, Bildung, Unterhaltung, Kultur, unser vollständiges Angebot weiter zu den Menschen bringen und für sie im Netz auffindbar machen, wenn wir unserem Auftrag gerecht werden wollen. Das allein technisch zu gewährleisten, ist schon eine wirklich große Aufgabe“. Hinzu müssten inhaltliche Angebote kommen, die den Nutzungsgewohnheiten im Netz und auf den unterschiedlichen Plattformen entsprächen: „Da haben wir den richtigen Weg eingeschlagen, aber das wird ein echter Dauerlauf.“

Für den rbb bedeute die Transformation zum digitalen Programmanbieter die bei weitem größte Anstrengung seit seiner Gründung: „Wir haben als vergleichsweise kleiner und junger Sender finanziell nichts übrig, die absehbare Anpassung des Rundfunkbeitrags wird uns keinerlei zusätzliche Spielräume geben“, sagte Schlesinger. „Im Gegenteil, sie reicht nicht einmal aus, um das bestehende, lineare Angebot auf Dauer zu sichern. Mich stimmt zuversichtlich, wie viel Veränderungsbereitschaft und -willen es bei unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern hier im Haus gibt, denn es werden sicher auch Verzichtsentscheidungen nötig sein, um dauerhaft Präsenz in der digitalen Welt herstellen zu können.“ Zudem habe der rbb einen weiteren Vorteil: „Unsere Region bebt vor Kreativität und Gestaltungswillen, auch im Digitalen. Ich bin zuversichtlich, dass wir dieses Potenzial im Sinne unseres Publikums nutzen können.“

Beim Marktanteil-Ranking der sieben (ARD-) Dritten, konnte der rbb glücklicherweise die rote Laterne noch in letzter Sekunde nach Frankfurt zum Hessischen Rundfunk schicken. Die ARD-Medienforschung in München hatte noch einmal sehr genau nachgerechnet und für den rbb doch noch einen „schönen“ Vorsprung errechnet: mit einem Abstand von nur 0,02 Prozentpunkten (6,03 Prozent Marktanteil rbb zu 6,01 Prozent hr) ist es dem rbb Fernsehen quasi auf den letzten Metern gelungen, das hr-Fernsehen auf den letzten Platz zu befördern. Der SWR liegt mit 6,3 Prozent Marktanteil im Mittelfeld, doch Spitzenreiter ist seit Jahren der MDR mit 9,8 Prozent. Dabei liegt der Marktanteil bei den Zuschauern unter 50 Jahren (weit) unter fünf Prozent. Nur der MDR liegt hier über der Marge.

Intendantin Schlesinger peilt für das rbb-Fernsehen einen Marktanteil von 6,1 Prozent (alle Altersgruppen) für die nächsten Jahre an, sie ist aber mit den sechs Prozent zufrieden. Zudem wird das Programm ständig mit neuen Formaten erneuert. Und nach Ansicht von Programmdirektor Schulte-Kellinghaus, ist „die Quote nicht immer so wichtig“. Für die Quotenermittlung stehen ohnehin nur jeweils 200 Fernsehgeräte in Berlin und Brandenburg zur Verfügung und ob die Ergebnisse immer so genau sind – ist eine offene Frage. Aber, in der Tendenz werden die Daten schon stimmen.

Der rbb verzichtet ab sofort auf die Ausstrahlung von Talk-Shows am Freitag ab 22 Uhr. Bisher wurden die bekannten Plauder-Runden aus Hamburg, Bremen und Dresden übernommen. Als Alternative werden Unterhaltungsfilme gesendet – sozusagen als Kontrast zum ARD-Tatort-Krimi (Wiederholungen) im ERSTEN. Insgesamt betrachtet braucht der RBB aber viele neue Programm-Ideen, will die Sendeanstalt aus der Hauptstadt mehr Beachtung bei Publikum, Medienexperten und Politikern finden. Und neue Programm-Ideen haben in erster Linie etwas mit Kreativität und nicht mit noch mehr Millionen zu tun. Zudem sollte der Schwerpunkt mehr auf typisch ör Inhalte gelegt werden. Und dann wäre die Quote nicht mehr so ganz wichtig.

Leider werden die Dritten immer einförmiger und auch langweiliger. Ein Beispiel: So sendet sich das Berliner Dritte immer mehr den (Tages-) Unterhaltungsprogrammen vom ERSTEN und dem ZDF an. Und hier stellt sich die Frage nach dem Sinn des ÖRR-Sendeauftrags. Mit den 7 Dritten und ARDone und ZDFneo, werden tagsüber 11 ör Programme angeboten, die außer wenigen Dokus, nur seichte Serien, Filme und Quiz-Shows im Programm haben. Im ERSTEN und ZDF werden noch aktuelle Magazine und Nachrichten ausgestrahlt. So viel Unterhaltung kann nun wirklich kein Zuschauer verkraften. Zumal alle Intendanten und Intendantinnen über zu hohe Ausgaben und zu geringe Einnahmen klagen – bei insgesamt über 10 Milliarden Euro im Jahr. Ab 2021 sollen noch einmal 3 Milliarden Euro, für 4 Jahre, hinzukommen. Wenn der Rundfunkgott gnädig ist – mit dem ÖRR und dessen Finanzpolitik.

Der rbb plant in den nächsten Jahren einige Bauprojekte. So soll auf dem rbb-Gelände zwischen Masurenallee und Kaiserdamm ein digitales Medienhaus, mit einer Größe von 20.000 Quadratmetern, für die crossmedialen Produktion gebaut werden. Fertigstellung ist für die Jahre 2024/2025 geplant – „da kann man sich in Berlin bekanntlich nie so sicher sein“ (s. BER). Einen Teil der noch nicht zu bezifferten Kosten wird durch eine zusätzliche Zuweisung durch die KEF erfolgen. Zudem werden eigene Mittel eingesetzt (dann werden wohl einige Sendungen eingestellt werden müssen?) und es muss ein Kredit aufgenommen werden. Für die Bürger baut der Sender gerade seine 14. Etage im Fernsehzentrum zum „Dach-Lunch“ oder auch „Studio 14“ um. Die neue Etage, mit Cafeteria, dient der Begegnung von Rundfunknutzern und rbb-Mitarbeitern. Geplant sind auch unterschiedliche Veranstaltungen aus Kunst und Kultur. Die Eröffnung soll im Mai erfolgen und der Zugang, auch nur zum gucken, ist kostenfrei. Für reichlich Gesprächsstoff über der (13.) Chef-Etage muss ja nicht erst gesorgt werden, denn in allen Punkten stehen dem ÖRR harte Zeiten bevor.

Der Rechnungshof von Berlin hatte in seinem Jahresbericht 2018 deutliche Kritik an der Höhe und Struktur der Vergütungen beim rbb geübt. So wird beanstandet, „dass der rbb zum Zeitpunkt der Prüfung kein einheitliches Tarifwerk hatte und seit seiner Errichtung die Arbeits- und Vergütungsbedingungen noch immer nicht vollständig vereinheitlicht hat, seine Beschäftigten im Vergleich zu denen im Geltungsbereich des TV-L deutlich besserstellt, Arbeitsgebiete nicht ordnungsgemäß bewertet, Zulagen sowie außertarifliche Leistungen gewährt, die hinsichtlich ihrer Notwendigkeit bzw. Höhe nicht begründet und dokumentiert sind, die Aufgaben einer Familienkasse nach wie vor selbst und teilweise unzureichend wahrnimmt“.

Am 20. Februar wird die KEF ihre Empfehlung bzgl. der Gebühren-Erhöhung bekannt geben. Danach soll der Beitrag von 17,50 auf 18,36 Euro pro Monat steigen. Damit die Erhöhung ab 2021 Realität wird, müssen alle 16 Landes-Regierungen und -Parlamente zustimmen. Dennoch, für die nur mittelgroße Sendeanstalt rbb werden die Zeiten mehr als schwierig werden. Zumal auch im Online-Bereich kräftig investiert werden muss. Da drängen sich geradezu grundsätzliche und nachhaltige Reformen in allen Bereichen auf – genau das fordern die Landespolitiker seit 2016 vom ÖRR. Dazu gehören auch konkrete Sparkonzepte. Und worauf wartet die Führungs-Etage mit Intendantin Patricia Schlesinger an der Spitze ? Ihre Worte auf der Jahresauftakt-Pressekonferenz: „Kosmetische Anpassungen reichen nicht mehr aus“!

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