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Mit Luna durch die Nacht – Fünf ARD-Nachtradios und weitere 33 Programme

RBB-Funkhaus Berlin (Foto rbb.de)

In Deutschland werden aktuell 438 Radioprogramme ausgestrahlt und online kommen unzählige Angebote hinzu. Der ARD-Hörfunk bzw. die neun unabhängigen Landesrundfunkanstalten (LRA) und Deutschlandradio strahlen tagsüber 78 Programme (terrestrisch und online) aus. Auch in der Nacht bietet der öffentlich-rechtliche Rundfunk (ÖRR) mit 43 Programmen (2017) eine große Auswahl an. Wie Kritiker in und außerhalb der Sendeanstalten meinen, zu viele. Denn am Tage hören rund 37 Millionen Menschen die ARD-Angebote mit einer Tagesreichweite von 52,5 Prozent (media analyse 2019 Audio I.). Zum Vergleich: Kommerzielle Radioprogramme werden von täglich 30,1 Millionen Menschen genutzt, das sind 42,7 Prozent. Täglich (Montag bis Freitag) schalten 54,25 Millionen Menschen das Radio ein (für mindestens 15 Minuten), das sind 77 Prozent der Bevölkerung. Diese hören jeden Tag im Durchschnitt 249 Minuten Radio.

In den Nachtstunden sind es dagegen deutlich weniger Hörer/innen. Da die ARD-Hörfunkkommission über keine aktuellen Daten verfügt, kann hier nur auf das Jahr 2011 verwiesen werden: „Aus der ‚Studie Massenkommunikation‘ gehe … hervor, dass die Reichweite des Radios in den Nachtstunden deutschlandweit gerade einmal bei 1,8 Prozent liege. ‚Das entspricht in der Hochrechnung einem Potenzial von 1,24 Millionen Hörerinnen und Hörern‘, sagt WDR-Sprecher Uwe-Jens Lindner.“ („Der Westen“ 26.9.2011). Diese Daten dürften auch für die Gegenwart Gültigkeit besitzen.

Angesichts der sehr geringen Nacht-Nutzung plädierte deshalb NDR-Intendant Lutz Marmor 2017 dafür, die Anzahl der ARD-Hörfunkprogramme zu reduzieren und pro Genre nur noch ein Gemeinschaftsprogramm für ganz Deutschland anzubieten. Mit seiner angestrebten Reform wollte Marmor insbesondere erreichen: die Kooperation unter den neun LRA zu erhöhen, die Anzahl der Nachtprogramme zu reduzieren, Kosten einzusparen und insgesamt effizienter zu agieren. Dieses sei angesichts schwieriger Zeiten in finanzieller und medienpolitischer Hinsicht für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk auch sinnvoll.

Das ARD-Nachtangebot mit 40 Programmen (plus drei DRadio-Programme) gleicht im Jahr 2017 einem Flickenteppich mit vier ARD-Nachtradios (ARD-Hitnacht v. SR/WDR, ARD-Popnacht v. SWR – alte Bezeichnung „Luna“, ARD-Infonacht v. MDR und ARD-Nachtkonzert v. BR), vier regionalen Gemeinschafts-Radios (NDR 1, NDR 2/WDR 2, MDR 1 und SWR 1/Bremen 1), der Pop-Welle Bayern 3 und 25 Programmen mit eigener automatisierter Nachtrotation bzw. Wiederholungen – plus sechs Ergänzungsprogramme wie u.a. Verkehrsfunk. Bemühungen zu Kooperationen der neun Sendeanstalten untereinander gibt es seit 1959 mit dem ersten Gemeinschaftsangebot „Musik bis zum frühen Morgen“ (erste regionale Nachtsendungen gab es seit November 1947 beim NWDR in Hamburg). In den letzten Jahrzehnten wurde das ARD-Nachtangebot stetig erweitert – Sendungen von zwei Stunden oder auch für die gesamte Nacht. Aber immer sind auch einzelne Sendeanstalten aus der gemeinsamen Nachtversorgung ausgestiegen und andere hinzugekommen. Ein klar strukturiertes ARD-Angebot mit wenigen Genre-Programmen, bei gleichzeitiger Reduzierung der Tagesprogramme für die Nacht auf ein Minimum, wurde aber nie konsequent realisiert.

Die Reformziele von Intendant Marmor aus dem Jahr 2017, insbesondere eine stärkere Kooperation der Sendeanstalten untereinander, konnten die Landesrundfunkanstalten generell zustimmen – wenn auch mit einigen Einschränkungen. So unterstützt der BR die Neugestaltung der ARD-Nachtversorgung nach Kräften. „Kooperation innerhalb der ARD halten wir für überall dort geboten, wo sie sinnvoll, effizient und kostensparend ist. Dabei dürfen die individuellen Erfordernisse in den jeweiligen Sendegebieten nicht außer Acht gelassen werden“. Auch der „MDR unterstützt die ARD-Nachtversorgung und damit verbundene Sparanstrengungen selbstverständlich und ist auch selbst gebende Anstalt“ und „Kooperationen (haben) zwischen den Radioprogrammen der Landesrundfunkanstalten einen hohen Stellenwert. Sie sind überall dort geboten, wo sie sinnvoll, effizient und kostensparend sind“. Auch der SWR vertritt einen solidarischen Standpunkt: „Grundsätzlich stehen wir natürlich komplett hinter dem Anliegen der ARD, gerade in der Nacht so synergetisch wie möglich zu verfahren und, wo möglich, auch zu kooperieren“. Und selbstverständlich steht auch für das finanzschwache Radio Bremen die ARD-Kooperation im Mittelpunkt. Bei diesen Formulierungen wird sehr deutlich, dass die ARD nur eine Arbeitsgemeinschaft von neun Landesrundfunkanstalten ist, in deren Mittelpunkt die jeweilige Unabhängigkeit und Programmautonomie steht. An erster Stelle steht das eigene Bundesland bzw. Sendegebiet und erst danach kommt Deutschland als großes Sendegebiet..

In der Nacht des 16./17. Januar 2018 wurde im Zuge der Einsparbemühungen die kleine ARD-Nachtradio-Reform mit nun fünf Genre-Programmen realisiert. Damit kooperieren nun alle ARD-Anstalten, in unterschiedlicher Beteiligung, bei „nächtlichen Gemeinschaftsangeboten mit klar umrissenen Programm- und Musikfarben“: Die „ARD Hitnacht“ kommt vom NDR und sendet die „besten Hits aus den letzten 40 Jahren“ (mit 10 Programmen). Liebhaber klassischer Musik kommen beim „ARD Nachtkonzert“ des BR auf ihre Kosten (mit 10 Programmen). „Aktuelle Hits und die beste Musik aus den 80ern“ kommen vom SWR in der „ARD Popnacht“ (mit 8 Programmen). „Aktuelle Informationen und Hintergründe“ für die ganze Nacht gibt es in der „ARD Infonacht“ des MDR (mit 7 Programmen). Das fünfte und neue ARD-Nachtradio seit 13. Juni 2018 ist „Die junge Nacht der ARD“. Der WDR produziert das Programm bei 1LIVE in Köln und es wird von den jungen Wellen N-JOY (NDR), DASDING (SWR), Fritz (RBB), MDR SPUTNIK, YOU FM (HR) und UNSERDING (SR) übernommen. Nicht dabei sind Bremen NEXT und BR PULS. Mit dem Start der jungen Radionacht (je nach Welle zwischen 13. Juni und 30. Juli 2018) rundet die ARD die Neugestaltung der Nachtversorgung ihrer live präsentierten Hörfunkprogramme ab. „Mit den ARD-Nachtprogrammen kommen wir unserem Anspruch nach, ein hochwertiges, differenziertes und vielfältiges Programmbouquet auch an programmlichen Randzeiten anzubieten. Die gemeinsame Nachtversorgung des ARD-Hörfunks ist das beste Beispiel für sinnvolle und gelungene Kooperation innerhalb des ARD-Senderverbunds“ (Martin Wagner, Vorsitzender der ARD-Hörfunkkommission 26.6.2018).

Beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland handelt es sich um ein föderales System mit neun unabhängigen Landesrundfunkanstalten (und dem zentralem Deutschlandradio bzw. Deutschlandsender) seit dem Sendebeginn 1923/24. Auch mit dem Neubeginn nach 1945 vollzogen sich eigenständige Entwicklungen mit regionalen Hörfunk-Programmen in Westdeutschland und Berlin (West). Damit sind über Jahrzehnte im Hörfunk Parallel-Welten entstanden, die in der Gegenwart nur schwer bzw. gar nicht zusammenwachsen konnten, obwohl dieses sinnvoll und im Interesse des öffentlich-rechtlichen Rundfunks auch wünschenswert gewesen wäre. Insbesondere wegen knappen Finanzen, brüchiger Bürger-Akzeptanz von ARD (und ZDF) und unzähliger Online-Konkurrenz. Über Einsparungen in den Bereichen Personal und Finanzen wurden von der ARD keine Angaben gemacht.

So sehr alle neun Landesanstalten die Kooperation in der ARD-Nachtversorgung betonen, so sehr haben aber auch acht von ihnen Argumente aus ihrer jeweiligen Perspektive für eigene Nachtangebote. Als einzige Sendeanstalt gestaltet der HR sein Nachtprogramm komplett mit ARD-Nachtradios – wobei die ARD-Popnacht über HR 1 und HR 3 ausgestrahlt wird. Der SR sendet seine eigene „Schlagerwelt“, der RBB sein anspruchsvolles Popprogramm „Radio Eins“ und der WDR bietet in der Nacht WDR 5 (Wort-Sendungen), COSMO (Weltmusik), 1LIVE-DIGGI (Junge Musik) und das Kinderradio KiRaKa an.

Sehr aussagekräftig, und zum Teil auch erstaunlich, sind die Begründungen einzelner Sendeanstalten für ein jeweils eigenes und großzügiges Nachtangebot. So hat der BR die „Neugestaltung der ARD-Nachtversorgung im Jahr 2018 nach Kräften unterstützt“ und dennoch: „Für BAYERN 3 haben wir uns nach sorgfältiger Abwägung gegen die Übernahme der ARD-Popnacht entschieden, da die BAYERN 3-Nacht die einzige live moderierte Nachtsendung des Bayerischen Rundfunks ist. Hier laufen aktuelle Nachrichten, Verkehrsmeldungen und Wetterwarnungen. Gerade für Bayern als Bundesland mit extremen Wetterlagen (Schnee, Lawinen, Hochwasser, etc.) ist es sehr wichtig, eine Sendung zu haben, bei der man im Zweifelsfall schnell auf aktuelle Ereignisse reagieren kann. Nur so können wir dem Anspruch unserer Hörerinnen und Hörer gerecht werden, auch an programmlichen Randzeiten zuverlässige Informationen und hohe Programmqualität anzubieten“. Sehr wichtig ist dem BR die Popwelle auch, da sie eine der wenigen Möglichkeiten ist, „Nachwuchsmoderatorinnen und –moderatoren eine Sendefläche zur Weiterentwicklung zur Verfügung zu stellen“. Eine Übernahme einer ARD-Nacht bei BAYERN 1 (Pop) und PULS würde keine Kostenersparnis bringen, da diese Programme „nachts kostenneutral automatisiert produziert“ werden. „Zudem beinhaltet die ARD-Nachtversorgung aktuell weder für BAYERN 1 noch für PULS ein formatgerechtes Musikprogramm. Das Radioprogramm von PULS setzt auf internationalen Sound, aber auch auf die bayerische Musikszene. Bayerische Nachwuchsbands werden hier stark gefördert und selbstverständlich neben großen Namen gespielt – diese Formatierung wäre durch eine junge ARD-Nacht nicht möglich. Gerade PULS verfügt über eine Hörerschaft, die das Programm gern auch nachts hört, daher ist es wichtig die Programmfarbe auch in den Randzeiten erkennbar zu machen“. Daher wird auch das gemeinsame Nachtprogramm von BAYERN PLUS (Schlager) und der MDR SCHLAGERWELT in Eigenregie aus Erfurt automatisiert produziert. Ein weiteres Nachtangebot ist BR-HEIMAT mit volkstümlicher Musik.

Auch der MDR „unterstützt die ARD-Nachtversorgung und damit verbundene Sparanstrengungen selbstverständlich und ist auch selbst gebende Anstalt“. Das eigene Pop-Nachtprogramm ist die MDR-Musiknacht, welche von den drei MDR-Landesfunkhäusern Leipzig, Erfurt und Magdeburg wöchentlich wechselnd produziert wird. Hinzu kommt das gemeinsame Nachtprogramm von MDR SCHLAGERWELT und BAYERN PLUS. Das Programm MDR JUMP wird nachts kostenneutral automatisiert produziert und „ist das reichweitenstärkste Radioprogramm aus dem Osten Deutschlands … und regional in den drei Staatsvertragsländern fest verankert, was auch durch eine 24-Stunden-Versorgung mit auf die Region zugeschnittenen Nachrichten erreicht wird. Zudem ist MDR JUMP die Verkehrsleitwelle des Mitteldeutschen Rundfunks und versorgt neben allen MDR-Hörfunkwellen auch die „ARD-Infonacht“ mit Verkehrsinformationen und – sehr wichtig – mit aktuellen Sofortmeldungen über besondere Gefahrensituationen. Nach einer genauen und tiefgehenden Kosten-Nutzen-Abwägung, in die sowohl die angeführten Gründe als auch strukturelle und programmstrategische Überlegungen eingeflossen sind, hat sich der MDR dafür entschieden, am Nachtprogramm von MDR JUMP keine Änderungen vorzunehmen“ (automatisiert produziert). Das neue 24-Stunden-Angebot MDR TWEENS, „das am 3. Dezember 2018 gestartete DAB+ Kinder- und Jugendradio, beteiligt sich an der ARD-Kinderradionacht“ (einmal im Jahr). „Weiteren Kooperationen steht MDR TWEENS aufgeschlossen gegenüber. Voraussetzung ist, dass die Kinder ein attraktives Programmangebot erhalten und Ressourcen geschont werden können. Mit MDR TWEENS bekommen die Kinder in Mitteldeutschland erstmals ein ganztägiges Radioprogramm mit viel Musik, jeder Menge Informationen, Tipps und Wissenswertem aus ihrer Lebenswelt und der Möglichkeit, selbst mitzureden“. Das Programm beinhaltet auch Wiederholungen.

Für den NDR ist „die Zusammenarbeit ihm Rahmen der ARD Nachtprogramme … im vergangenen Jahr wesentlich intensiviert worden“. Gemeint sind die fünf ARD-Nachtradios, in die der NDR seine zwei Nachtradios und insgesamt acht Wellen einbringt. „Dieses Ergebnis darf man getrost als deutliche Verstärkung der Zusammenarbeit und der Synergiegewinne in der Nacht für den Hörfunk in der ARD reklamieren“. Eigene Nachtprogramme des NDR sind „Info“ (Wort-Sendungen), „Plus“ (Schlager) und „Blue“ (anspruchsvolle Musik), diese werden automatisiert produziert bzw. bestehen aus Wiederholungen.

Der SWR unterstützt das Anliegen der ARD, „gerade in der Nacht so synergetisch wie möglich zu verfahren und, wo möglich, auch zu kooperieren. So übernimmt etwa SWR4 die ARD-Hitnacht vom NDR. Allerdings haben wir uns diese Entscheidung nicht leicht gemacht: Der Musikmix der ARD Hitnacht unterscheidet sich deutlich vom SWR4 Musikprofil, es handelt sich tatsächlich um eine Mischung aus SWR1 und SWR4. Um unsere eigenen Programme nicht über Stunden hinweg verwechselbar zu machen, haben wir uns in der Folge entschieden, im speziellen Musikprofil von SWR1 eine eigene Nachtsendung aufzulegen. Diese wird von beiden SWR1 Landesprogrammen (Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz) und Bremen Eins ausgestrahlt. Also auch eine Synergie. Zum einen ist da natürlich der Wunsch nach Kooperation und Synergie, zum anderen möchten wir unsere Radiomarken rund um die Uhr wiedererkennbar machen. Das schafft eine hohe Hörer*innenbindung, die vor allem in der Nacht nochmal deutlich stärker ausgeprägt ist, wenn natürlich auch auf quantitativ niedrigerem Niveau. Nicht umsonst hat der SWR mit seinen Zielgruppenprogrammen einen Marktanteil von ca. 50% – das gelingt nur mit einer guten Hörer*innenbindung, infolge einer klaren Zielgruppenstrategie“.

Die kleinste Sendeanstalt in der ARD-Familie ist Radio Bremen und da diese „schon immer sehr sparsam mit den Beitragsgeldern umgehen musste, haben wir uns schon vor einigen Jahren Lösungen für ein möglichst passgenaues und gleichwohl beitragsschonendes Nachtprogramm erarbeitet und umgesetzt. Unser Ziel war es von jeher mittels technischer Möglichkeiten und sinnvoller ARD-Kooperationen ein aus unserer Sicht kostenneutrales Nachtprogramm für jede unserer Wellen senden zu können. Seit Anfang 2012 liefert das NDR-Verkehrsstudio den Programmen von Radio Bremen die Meldungen für den Verkehrsservice zu. Bei dem nächtlichen Nachrichtenangebot bezieht der Kultur- und Informationssender Bremen Zwei schon seit längerem nachts die Nachrichten des Norddeutschen Rundfunks. Außerdem läuft bei Bremen Zwei bereits seit einigen Jahren eine automatisierte Musikrotation mit der für Bremen Zwei so spezifischen Musikfarbe. Ab dem 9. April wird auch Bremen Vier in der Zeit von 00:00 bis 05:00 Uhr die NDR-Hörfunknachrichten zur vollen Stunde einschließlich des Wetterberichts übernehmen. Damit bauen wir die Zusammenarbeit zwischen Radio Bremen und NDR in einem weiterem Schritt aus. Ansonsten läuft auf Bremen Vier die ARD-Popnacht, die sehr gut zur Gesamtanmutung der Welle passt. Bremen Eins ist für seine Nachtversorgung schon vor Jahren eine für uns kostenlose Kooperation mit SWR1 eingegangen. Der Musikmix von SWR1 passt sehr gut zu Bremen Eins, beide Sender versprechen ihren Hörern „die größten Hits aller Zeiten“. Bremen NEXT ist in der ARD mit seiner Musikfarbe einzigartig. Als ARD-weit jüngstes Format wurde es mit seinem Musikmix aus Hiphop und Elektro sehr viel „spitzer“ aufgestellt, insofern würde die Übernahme der jungen ARD Nacht für Bremen NEXT einen großen Formatbruch bedeuten. Kostenvorteile würde eine Übernahme auch nicht bringen, denn Bremen NEXT setzt wie Bremen Zwei auf eine eigene automatisierte Nachtrotation“.

Das Radio Bremen, als kleinste und wirtschaftlich schwächste Sendeanstalt, auch in der Nacht drei von vier Programmen selbst produziert – wenn auch durch automatisierte Nachtrotation – erstaunt außerhalb vom Zwei-Städte-Staat mit nur 0,68 Millionen Einwohnern. Denn bei der sehr knappen Finanzlage sollte sich Radio Bremen doch eigentlich den HR (chronisch unterfinanziert) aus Frankfurt zum Vorbild nehmen – der strahlt in seinen sechs Programmen fünf ARD-Nachtradios aus. Der Grund für die Programmstrategie von Radio Bremen liegt offenkundig darin, dass die kleine Sendeanstalt inmitten des NDR-Sendegebiets liegt und es auch in der Nacht „Bremen-Programme“ geben sollte – ansonsten würde die Sendeanstalt in den Nachtstunden im „NDR-Wellenmeer“ verloren gehen. Für Bremen (Politik, Gesellschaft und Rundfunk) geht es offensichtlich um die dauerhafte Existenzsicherung von Radio Bremen – daher drei 24-Stunden-Programme von der Weser und keine weiteren ARD-Nachtradios.

Im Vergleich zum Jahr 2017 hat sich die Anzahl der öffentlich-rechtlichen Nachtprogramme ab 2018 von 43 auf 38 Programme (inkl. Deutschlandradio) reduziert. Durch die kleine ARD-Reform konnten somit nur die zwei Nachtradios NDR 1 (mit 4 Wellen) und NDR 2/WDR 2 in ARD-Nachtradios (nun fünf statt vier) überführt werden – ebenso sieben „Junge Wellen“. Dafür kamen zwei neue Nachtradios im Rotations-Prinzip hinzu: Bremen NEXT (die junge Welle hatte bis Ende 2017 eine Nachtpause eingelegt) und MDR-Kinder- u. Jugendradio „Tweens“. Angesichts dieser Zahlen kann von einer (umfassenden) Reform des ARD-Nachthörfunks nicht gesprochen werden. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk strahlt mit 38 Programmen in der Nacht für ein kleines Publikum, von geschätzten 1,24 Millionen Personen (Reichweite 1,8 Prozent), zu viele Programme aus. Auch wenn es sich bei der ARD „nur“ um eine Arbeitsgemeinschaft handelt, sollte in Zeiten mit schwieriger Finanzlage die Kooperation in der Hörfunk-Nachtversorgung mit öffentlich-rechtlichen Angeboten deutlicher erhöht werden. Insbesondere weil der öffentlich-rechtliche Rundfunk seit einigen Jahren zunehmender Kritik aus Teilen der Gesellschaft ausgesetzt ist, die Akzeptanz brüchiger wird und die Sinnhaftigkeit von Gebühr bzw. Beitrag von aktuell 210 Euro jährlich – insbesondere die Höhe der Geldsumme – immer häufiger infrage gestellt wird.

Ob es angesichts dieser Sachlage nötig ist, dass drei Sendeanstalten eigene populäre Live-Nachtprogramme (SWR 1/R.Bremen 1, BR 3 und MDR 1) produzieren, weitere Angebote im Rotations-Prinzip senden (u.a. NDR Plus, Bremen NEXT, RBB-Radio Eins, MDR Jump, WDR 1 DIGGI, SR-Schlagerwelt, BR 1 und BR Puls) und einzeln finanzieren, ist mehr als fraglich. Zumal sich viele (ARD-) Programme im Bereich Popmusik immer mehr angleichen. Der ARD bzw. den neun Landesrundfunkanstalten ist daher zu empfehlen, in nächster Zeit eine umfassende Reform der Nachtversorgung mit dem Ziel durchzuführen, die Anzahl der Nachtprogramme deutlich zu reduzieren. Der Grundgedanke von NDR-Intendant Lutz Marmor, die Anzahl der ARD-Hörfunknachtprogramme zu reduzieren und pro Genre nur noch ein Gemeinschaftsprogramm für ganz Deutschland anzubieten, besitzt nach wie vor Gültigkeit. Denn nur wenn die ARD in allen Bereichen bereit ist Kosten einzusparen und insgesamt effizienter agiert, wird der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland akzeptiert werden und eine gesicherte Zukunft haben.

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