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“Die großen Sender haben ihr Publikum jahrelang nicht gut behandelt”

Kalkofe zieht eine bittere Bilanz der vergangenen zehn Fernsehjahre in der Unterhaltung

Oliver Kalkofe ist ein großer Liebhaber des Fernsehens – und einer seiner schärfsten deutschen Kritiker gleichermaßen. Er rechnet knallhart mit der Entwicklung der deutschen Fernsehbranche ab. Hier Auszüge aus einem Interview mit Nora Burgard-Arp in „meedia.de“.

Was war für Sie das schlimmste Fernsehformat der letzten zehn Jahre?
Die schlimmste Entwicklung ist Scripted Reality. Da lautet die Devise: Wir machen die dümmstmöglichen Inhalte mit Leuten, die keine Ahnung haben, wie Fernsehen geht – weder vor noch hinter der Kamera. Wir hetzen Leute aus den Unterschichten aufeinander, die wir dann hämisch und spöttisch belächeln können, und zwingen sie in die wohl furchtbarsten Geschichten, die sich wirklich kranke Hilfsredakteur-Geister ausgedacht haben. Das hat das Fernsehen zu großen Teilen ruiniert und meinen Glauben an das Gute im klassischen Fernsehen weitgehend zerstört. Trotz aller Kritik: Was war denn für Sie das beste deutsche Fernsehformat der letzten Jahre?
Im Unterhaltungsbereich ist leider wirklich wenig Eigenes und Neues entstanden. Aber ich mag beispielsweise das „Duell um die Welt“ von Joko und Klaas. Das war eine zeitgemäße „Wetten, dass..?“-artige Weiterentwicklung von Challenge-Formaten, die echt gut und toll gemacht war. Ganz eindeutig auch „Schlag den Raab“. Und, auch wenn man sich nicht selber loben soll, „SchleFaz“ natürlich.

Welches deutsche Fernsehformat wünschen Sie sich zurück?
Die gute alte Zeit der Game Shows. Da gab es viel Schönes, wie „Auf Los geht’s los“, „Dalli Dalli“ oder „Am Laufenden Band“. Diese Formate sind noch aus so einer naiven Kreativität entstanden und haben deswegen einen gewissen Charme. Ich würde nachmittags lieber lustige und bescheuerte Game Shows sehen als Scripted Reality.

Welches Medienereignis hat Sie in den letzten Jahren am meisten berührt, beeindruckt oder zum Nachdenken gebracht? War es die Debatte um das Schmähgedicht oder doch eher das Ende von „Wetten, dass..?“
Das Ende von „Wetten, dass..?“ war in der Tat ein einschneidendes Erlebnis. Ich fand das vor allem deswegen so ernüchternd, weil es die Unfähigkeit der Sender gezeigt hat. Da hab ich ein Stück Hoffnung verloren. „Wetten, dass..?“ war die größte deutsche Unterhaltungs-Show und das ZDF mit all seinen Ressourcen hat es nicht hinbekommen, sein Flaggschiff Nummer 1 so zu renovieren, dass es zumindest weiter erfolgreich fährt. Dass sich die Leute immer noch freuen, wenn es vorbeischippert, und fröhlich von der Brücke winken. Die Grundidee des Formats ist immer noch klasse, aber wenn man nicht mit der Zeit geht und ans Publikum denkt, kann es nicht funktionieren. Das war eins der traurigsten Beispiele dafür, wie sich das Fernsehen nackt in den Wind stellt und sagt: „Wir sind zu blöd, uns anzuziehen.“

Wie lautet Ihre Prognose für die nächsten zehn TV-Jahre?
Hoffentlich wird es zu vielen Co-Produktionen, auch mit Streamingdiensten, kommen, die dafür sorgen, dass sich die Sender inhaltlich öffnen. Der Worst Case wäre, dass die Sender kopflos und ängstlich in ihrem gleichen Wahnsinn bleiben. Die Öffentlich-Rechtlichen hätten Möglichkeiten ohne Ende und haben auch die Verantwortung, mehr zu tun, aber sie verharren immer im ewig Gleichen. Das ist ein fulminant produzierter Stillstand. Die Privaten sind nur noch riesige Konzerne, die auf Profitmaximierung aus sind, mit Kreativität nicht mehr viel zu tun haben und keine Haltung zeigen. ProSieben war früher mal cool und hat versucht, tolle Serien zu holen und gleichzeitig neue Formate zu entwickeln. Jetzt sind sie nur noch Abspielstation für „Big Bang Theory“ und Heidi Klum. Sat.1 hat sich in Luft aufgelöst und RTL ist das Kantinenfutter des Fernsehens: jeden Tag das Gleiche, seit Jahren und Jahrzehnten. Da ist keiner mehr, der mich persönlich emotional auch nur für zehn Cent anspricht.

Das ganze Interview auf meedia.de 16.7.2018

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