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Der Journalismus und die Unabhängigkeit

Dunja Hayali – Foto ZDF

Die Nebentätigkeiten von ZDF-Frontfrau Dunja Hayali

Die prominente ZDF-Journalistin Dunja Hayali, seit vielen Jahren das Gesicht des Morgenmagazins und mit einer eigenen Talkshow (in der gesellschaftliche Themen kritisch beleuchtet werden), moderierte im Juni in Berlin den alljährlichen Kongress der „Deutsche Automatenwirtschaft“. Die Glücksspiel-Branche, darunter die Gauselmann-Gruppe, hat eingeladen zum sogenannten „Gaming Summit“. Mehr als 30 Referenten diskutieren in verschiedenen Panels aktuelle Fragen rund um das Glücksspiel. Das ausgerechnet Frau Hayali durch den Kongress führt, verwundert viele aus Medien und Politik. Denn es handelt sich immerhin um eine Branche, die nach wie vor in der Kritik steht, weil sie ihr Geld auch mit der Spielsucht verdient. Sie habe sich intensiv mit der Branche beschäftigt, sagt Dunja Hayali im ZAPP-Gespräch (NDR-Sendung vom 15.8.2018), es handele sich um einen „legalen Wirtschaftszweig“ und: „Solange ich da das tue, was ich sonst auch immer tue auf der Bühne bei jedem Fachkongress, nämlich kritischen Journalismus, unabhängig, fair und respektvoll, solange sehe ich kein Problem.“Das allerdings sieht Volker Lilienthal, Professor für Journalistik an der Universität Hamburg, völlig anders. Das, was Dunja Hayali auf der Bühne bei einem Fachkongress tue, sei schlicht kein Journalismus: „Wenn ich auf einem Branchen-Event etwas moderiere, mache ich das vielleicht mit den Basic Skills einer guten Journalistin. Aber das Thema ist vorgegeben, die Gesprächspartner sind vorgegeben, und das wird nicht für die allgemeine Öffentlichkeit publiziert.“ Er weist auf die Gefahr hin, dass ein Journalist mit solchen Engagements seine Unbefangenheit verliere. „Ich sehe da ein großes Problem, denn es ist ja überhaupt nicht wahrscheinlich, dass Frau Hayali über die Großunternehmen, die sie einladen und honorieren, nie wieder als Journalistin berichten muss.“

Die Diskussion um diese sogenannten „Nebentätigkeiten“ von freien Journalisten ist nicht neu. Also von Journalisten, die bei den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten nicht fest angestellt sind. Immer wieder werden bekannte Fernseh-Moderatoren von ARD und ZDF kritisiert, weil sie nebenbei für Verbände oder Unternehmen auf der Bühne stehen, bei denen sich die Frage stellt, ob diese Engagements mit der Glaubwürdigkeit der Journalisten vereinbar sind. ARD-aktuell-Chef Kai Gniffke antwortete auf die ZAPP-Nachfrage, ob ein solches Engagement zulässig sei, dass die Sprecherinnen und Sprecher von ARD-aktuell freie Mitarbeiter seien. „Sie können insofern selbstverständlich Aufträge außerhalb der Tagesschau annehmen. … Engagements, die gegen die Interessen der Tagesschau verstoßen, nehmen sie nicht wahr. Die Moderation einer Veranstaltung der Gauselmann-Gruppe ist von daher nicht unzulässig.“

Der Hamburger Journalistik-Professor Volker Lilienthal plädiert hier für ein sehr genaues Prüfen der jeweiligen Engagements und vor allem für ein Maßhalten: „Man sollte aufpassen, dass man nicht öffentlich wahrgenommen wird als der Grüß-August der Spiele-Industrie. Das ist sehr gefährlich für die journalistische Glaubwürdigkeit. Maßhalten sollte man aber auch insofern, dass es nicht zu viele Einladende gibt.“ Denn dann sei man irgendwann von sehr vielen potentiellen Berichterstattungs-Objekten schon einmal eingeladen und bezahlt worden. So sieht Lilienthal auch die Anzahl der Nebenjobs von Dunja Hayali sehr kritisch. Allein in den vergangenen zwölf Monaten ist sie als Moderatorin unter anderem gebucht worden von Novartis, BMW, der Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen, dem Deutschen Beamtenbund, der Deutschen Stahlindustrie und der Amazon Academy.

Im Gegensatz zu manchen ihrer Kollegen stellt sich Dunja Hayali der Kritik (s. unten ihre eigene Erklärung) und spricht mit ZAPP offen über ihre Motivation. Aus ihrer Sicht sind die Engagements unproblematisch, solange sie eine kritische Distanz wahre: „Ich schaue mir diese Unternehmen ganz genau an. Ich rede immer über die Dinge, die in den Branchen nicht besonders gut laufen.“ Ob sie dabei das ZDF bezahle oder jemand anders, würde an ihrer Arbeit als „kritische Journalistin“ nichts ändern. Und genau hier, sagt Prof. Lilienthal, liege das Grund-Missverständnis: „Es reicht eben nicht, kritisch zu fragen.“ Der Effekt, dass man nicht mehr ganz so unabhängig berichten könne, wenn man von einer Firma oder einem Verband schon einmal selbst eingeladen und bezahlt worden sei, ließe sich nicht leugnen: „Davon kann sich kein Journalist freisprechen.“ Und die Auftraggeber schmücken sich gezielt nur mit prominenten Fernsehgesichtern. Journalisten können ihren Ruhm, möglich geworden durch Sendungen von ARD und ZDF, mit bezahlten PR-Auftritten von Unternehmen und Verbänden, um das x-fache steigern und vergolden lassen – wodurch sich ihr Marktwert weiter erhöht. Auf der Strecke bleibt (möglicherweise) der Anschein der journalistischen Unabhängigkeit mit den ethischen Grundregeln.

Von daher sollten sich die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten am Verhaltenskodex für NDR Mitarbeiter orientieren – der u.a. beinhaltet: „Wir nutzen unsere NDR-Tätigkeit nicht für kommerzielle PR, unangemessen hoch dotierte Nebentätigkeiten oder andere private Vorteile. Wir lehnen Nebentätigkeiten, Geschenke, Einladungen und Rabatte ab, die unsere Unabhängigkeit in Frage stellen könnten. Wir nutzen keine Journalistenrabatte“. Das ZDF, für das Hayali seit mehr als zehn Jahren tätig ist, teilte auf ZAPP-Nachfrage mit: „Grundsätzlich unterliegen freie Mitarbeiter/innen keiner Genehmigungspflicht für die Ausübung anderweitiger Tätigkeiten. Mit seinen Moderatoren bzw. bildschirmprägenden freien Mitarbeiten vereinbart das ZDF aber regelmäßig, dass solche Tätigkeiten angezeigt werden.“ Dies diene dazu, die Trennung von Werbung und Programm zu gewährleisten.

 

Erklärung von Dunja Hayali im Wortlaut über Facebook am 20.8.2018

„Liebe Follower, liebe Leser,
ich möchte mich kurz zu der aktuellen Debatte meiner Tätigkeiten außerhalb des ZDF äußern.
Zunächst: ich arbeite beim ZDF als freie Mitarbeiterin. Ich zeige meinem Sender an, wenn ich für andere tätig werde.
Neben meinen ZDF-Sendungen moderiere ich im Auftrag von Verbänden, NGO‘s, Unternehmen und anderen im Schnitt zweimal pro Monat Podiumsdiskussionen oder andere Formate. Die Veranstaltungen sind vielfältig und thematisch breit aufgestellt. Es sind Diskussionen mit Politikern, Wirtschaftsvertretern, Kulturschaffenden, Personen aus dem Sport, der Forschung, Ehrenamtlichen, Kreativen und anderen (prägenden bzw. gestaltenden) Personen aus unserer Gesellschaft.
Anders als das einige Schlagzeilen bzw. Kommentare nun suggerieren oder gar behaupten, handelt es sich dabei nicht um Werbeauftritte. Oft stelle ich mich auch ehrenamtlich zur Verfügung oder bitte darum, das vorgesehene Honorar zu spenden. So wie ich übrigens auch jedes Preisgeld, welches ich durch Auszeichnungen erhalte, spende.
Aber die entstandene Diskussion hat mir deutlich vor Augen geführt, dass durch die Auftritte jenseits meiner Sendungen der Eindruck von Befangenheit oder Abhängigkeit entstehen kann. Auch durch die pure Aufzählung der Fachtagungen ohne auf die jeweils behandelten Themen einzugehen. Die Wirkung habe ich selbst unterschätzt. Das bedaure ich sehr. Und natürlich bin ich mir bewusst, dass es einen Unterschied gibt zwischen unabhängiger journalistischer Arbeit und einer Tätigkeit für einen anderen Auftraggeber.
Mir geht die Debatte, so wie sie zum Teil geführt wird, sehr nahe. Mir hat sie klargemacht, wie extrem hoch die Ansprüche an mich sind. Ich werde meine Tätigkeiten außerhalb des ZDF deshalb noch selbstkritischer prüfen. Aber ich versichere Ihnen: kritisch, fair, unabhängig, neugierig und nachfragend zu bleiben, das ist und bleibt mein Anspruch an mich selbst und meine journalistische Arbeit – innerhalb und außerhalb meines Senders“.

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