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Berliner Medienforschung senkte Kosten um 51 Prozent

© rbb/Hanna Lippmann
Fernsehzentrum des RBB Berlin

Ministerpräsidenten fordern ARD & ZDF erneut zum Sparen auf

Die 13 öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten Deutschlands (inkl. Arte) haben pro Jahr rd. 10 Milliarden Euro zur Verfügung. Und dennoch verlangen sie weitere drei Milliarden für vier Jahre (ARD-Vorsitzender Wilhelm). Am 29.September 2017 haben ARD und ZDF den Auftrag der Rundfunk-Kommission der 16 Länder von Herbst 2016 mit der Abgabe von zwei „Zukunfts-Berichten“ termingenau erfüllt. Doch es hagelte Kritik von allen Seiten. Die Sendeanstalten sollten Sparpläne vorlegen, wie sie 3,6 Milliarden Euro einsparen können. Aber, was sie anboten war eine Mogelpackung. Einsparungen von 2,25 Milliarden – davon entfällt aber die Hälfte (ARD 0,9 Mrd. Euro u. ZDF 0,13 Mrd. Euro) auf die lukrative Altersversorgung der Mitarbeiter, welche die Anstalten mit den Gewerkschaften ausgehandelt haben. Bei den Betriebsausgaben wollen ARD 951 Mio. Euro und ZDF 270 Mio. Euro einsparen – für einen Zeitraum von acht Jahren (ab 2021), pro Jahr also nur 152,6 Mio. Euro.

Vorbild wird immer häufiger die BBC in London mit ihren Programmen, deren Qualität und den jährlichen Kosten von „nur“ 5,5 Milliarden Euro. Politiker aller Couleur aus den 16 Bundesländern sind sich einig: Kostensenkungen und Strukturreformen müssen auf die Tagesordnung. Die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF) erwartet von den Sendeanstalten verstärkte Anstrengungen in puncto Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit, ansonsten sei eine Optimierung von Strukturen kaum möglich. ARD und ZDF (Eigentümer sind die deutschen Staatsbürger) erwarten für die Jahre 2021 bis 2028 Beitrags-Einnahmen von mindestens 64 Milliarden Euro. Aber, die Intendanten wollen keine (Spar-) Reformen. Mit einer Blockadepolitik werden die Landespolitiker unter Druck gesetzt. Und dabei wäre Sparen so einfach, wie ein Beispiel aus Berlin deutlich zeigt:

Wir schreiben das Jahr 1990. Seit wenigen Wochen ist die innerdeutsche Grenze auch für Ost-Bürger offen und die Menschen zwischen Elbe und Oder genießen durch West-Reisen die Luft der Freiheit. Zur gleichen Zeit spielen sich nur sieben Kilometer vom Brandenburger Tor entfernt unglaubliche Szenen ab. In der 13. Etage des Funkhauses an der Masurenalle werden reihenweise Hundert-D-Mark-Scheine unwiderruflich vernichtet. Eine Sekretärin in der Medienforschung des SFB (heute Rundfunk Berlin-Brandenburg / RBB) ist wöchentlich damit beschäftigt, die GfK- (Fernseh-) Quoten-Hefte an wichtige Mitarbeiter im Funkhaus per Hauspost zu verteilen (Verteilerschlüssel). Doch oh Schreck, seit einiger Zeit gibt es zu viele Hefte – aber zu wenige Adressaten. Was tun? Kein Problem – auch im öffentlichen Dienst sind Papierkörbe ein wichtiger Bestandsteil in den Büros. Und so fliegen im hohen Bogen die überflüssigen Quoten-Hefte in den Papierkorb. Einfache Hefte kosten 150 DM und die dicke Daten-Bände bis zu 450 DM (in Euro ca. die Hälfte). Woche für Woche werden so bis zu 1.200 D-Mark der Bundesbürger vernichtet.

Das konnte und durfte so nicht weitergehen. Ein (freier) Mitarbeiter der Medienforschung (der Chefposten war vakant) informierte den Hauptabteilungsleiter in der Intendanz über die wöchentlichen „Geld-Vernichtungen“. Nach nur fünf Minuten war alles geklärt. Der Mitarbeiter erhielt den Auftrag, den Verteilerschlüssel nachhaltig zu überarbeiten. „Der SFB muss seine Kosten reduzieren, machen sie mal“, so der Hauptabteilungsleiter. Gesagt – getan. Innerhalb von nur zwei Wochen wurde das Projekt umgesetzt. Die Mitarbeiter und Abteilungen, die augenscheinlich kein Quoten-Heft benötigten, wurden sofort aus der Verteilerliste entfernt. Anzahl der Widersprüche nach diversen Telefonaten – NULL. Das zweite Drittel wurde nicht kontaktiert, da diese Adressaten auf die Media-Daten angewiesen waren. Mit der letzten Gruppe wurden intensive Gespräche geführt. Hier kam es zu Einsparungen durch Weiterreichung bzw. Anfertigung von Kopien der Quoten-Hefte (Einzelseiten) bzw. einzelne Heft-Seiten wurden unter den Mitarbeitern verteilt.

Die Spar-Aktion im Funkhaus war ein großer Erfolg – alle Mitarbeiter waren engagiert und an Einzel-Lösungen aktiv und kreativ beteiligt. Nachfragen in Redaktionen und Abteilungen, die aus dem Verteilerschlüssel kommentarlos gestrichen wurden, brachten das ganze Ausmaß von Geldverschwendung im öff.-rechtl. Rundfunk ans Tageslicht. So z.B bei ARD-Aktuell – liefert u.a. Berichte für TAGESSCHAU und TAGESTHEMEN. „Wir haben gar keine Zeit zum Studium der Daten und Quoten“, so ein Mitarbeiter. Wäre für die Abteilung auch völlig irrelevant. Auf die Frage nach dem Verbleib der Wochen-Hefte, gab es die ehrliche Antwort: „Die Hefte kommen in einen großen Aktenschrank, ist dieser bis zum Rand vollgepackt, kommen nach einem Anruf zwei Arbeiter mit einem Vehikel und transportieren hunderte bzw. tausende Quoten-Hefte direkt zum Papier-Container“. Ohne, dass auch nur ein Mitarbeiter jemals einen Blick auf die Einschalt-Quoten geworfen hatte (Beleghefte lagen in der Medienforschung und im Archiv), wurden Unmengen an Papier (teuer von den Bürgern finanziert) in regelmäßigen Abständen der Vernichtung zugeführt.

Nachdem der Hauptabteilungsleiter in der Intendanz den Abschlussbericht studiert hatte, kam es nach einer Woche zum „Erfolgsgespräch“ mit dem Mitarbeiter der Medienforschung auf der Chefetage – im 13. Stock. Das Resultat der Spar-Aktion war atemberaubend gut, jedenfalls für den öffentlichen Dienst. Die Jahreskosten konnten um ca. 51 Prozent auf rd. 14.000 D-Mark (in Euro ca. die Hälfte) reduziert werden. Aber, so der Hauptabteilungsleiter, leider gibt es auch eine schlechte Nachricht: „Der SFB-Sendeleiter (Anmerkung: zuständig für den guten Ausgang aller Ton- und Bildsignale aus den Studios) hat sich darüber beklagt, dass er nur noch den Daten-Band bekommen solle“. In diesem waren die Daten aller unterschiedlichen Einzelhefte zusammengefasst worden – ein dicker und schwerer Band. „Nun, sie haben ein tolles Spar-Ergebnis erzielt, da dürfen wir auch mal großzügig sein“, so der Hauptabteilungsleiter zum Mitarbeiter. In der Tat, ansonsten hätte der finanzschwache SENDER FREIES BERLIN sogar 52 Prozent der Kosten eingespart.

Erstaunen löste die Spar-Aktion nicht nur beim Intendanten und den Direktoren aus, sondern auch in Nürnberg bei der „GfK“ (erstellt die Quoten-Hefte / -Bände). Per Telefon erfragte ein GfK-Mitarbeiter die Gründe für die große Spar-Aktion. Lapidare Antwort des Mitarbeiters aus der Medienforschung, „der öffentlich-rechtliche Rundfunk muss und kann Sparen“. Und so muss es weitergehen, wollen ARD und ZDF eine gesicherte Zukunft haben. Denn, es war nur ein kleiner Schritt in Berlin, aber ein großer Schritt für den öffentlichen Rundfunk.

 

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